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Im Rahmen der Corona-Pandemie wurde seit März 2020 das öffentliche Leben stufenweise heruntergefahren – die Schließung von Kitas, Spielplätzen sowie die Kontaktbeschränkungen hatten bzw. haben auch direkte Auswirkungen auf Kinder im Kita-Alter und ihre Familien. Wie die Kinder mit diesen Umständen umgehen und was die schrittweisen Lockerungen für Kita-Kinder und ihre Eltern bedeuten: Dazu hat uns Dr. Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, Auskunft gegeben.

 

Dr. Rahel Dreyer (Foto: Rahel Dreyer, privat)

 

Rund um Kita: Mit der aktuellen Situation haben viele Menschen Probleme, vor allem was die Einschränkungen der sozialen Kontakte angeht. Sicherlich betrifft das auch bereits die Kita-Kinder: Wie geht es den Kindern damit, dass sie ihre Freunde aus der Kita nicht mehr treffen können, sie für längere Zeit nicht mehr auf Spielplätze gehen durften, ihre Erzieherinnen und Erzieher nicht mehr sehen (die ja auch wichtige Bezugspersonen sind) und vor allem auch der Alltag derzeit ein gänzlich anderer ist als vor der Krise?

Rahel Dreyer: Für die Kinder ist es ein enormer Verlust, plötzlich vertraute Bezugspersonen wie Erzieherinnen und Erzieher sowie ihre Freunde aus der KiTa für einen längeren und ungewissen Zeitraum nicht mehr sehen zu können. Alltägliche soziale Kontakte und Interaktionen, gemeinsames Spielen und Bewegen sowie gemeinsame Lernprozesse – als zentrale Grundbedürfnisse von Kindern – sind in einem Umfang eingeschränkt, dass wir die Folgen für die soziale-emotionale Entwicklung und das Gemeinschaftsgefühl nicht absehen können. Während ältere Kinder soziale Medien als Kontaktbrücken nutzen können, sind es die jüngeren, die eigenständig keine sozialen Kontakte ohne Unterstützung ihrer Eltern oder möglichen Geschwistern aufrechterhalten können.

Rund um Kita: Wie können Kinder dabei unterstützt werden, die Situation der Kontaktbeschränkungen zu bewältigen?

Rahel Dreyer: Bereits sehr junge Kinder spüren Veränderungen in ihrer Umgebung ganz genau und beobachten, wie die Menschen und insbesondere ihre Eltern darauf reagieren. Sie brauchen Menschen, mit denen sie ihre Eindrücke verarbeiten und reflektieren können. Dazu gehört es auch, im Alltag immer wieder Möglichkeiten zum Austausch zu schaffen: Zusammenzukommen und miteinander zu sprechen ist in der aktuellen Situation noch wichtiger als zuvor! Gerade Kinder im Vorschulalter haben oft viele Frage rund um die Corona-Krise. Was ihnen hilft, ist, dass wir ehrlich zu ihnen sind, weder verharmlosen noch dramatisieren.

Rund um Kita: Können Sie einige Tipps geben, wie Eltern mit ihren Kindern ganz praktisch zum Thema ins Gespräch kommen und ihnen zur Seite stehen können?

Rahel Dreyer: Man sollte beispielsweise mit seinen Kindern besprechen, dass der Virus insbesondere für kranke und ältere Menschen gefährlich ist. Nicht alle Kinder aber zeigen direkt und offen ihre Sorgen und Nöte. Gerade jüngeren Kinder können ihre Bedürfnisse häufig noch nicht in Worte fassen und benötigen eine stärkere Unterstützung in der Regulation ihrer Emotionen. Kinder verarbeiten auch viel im Spiel, in dem sie Erlebtes nachspielen und darin auch Ängste bearbeiten. Daher ist es besonders wichtig, Kindern zu ermöglichen, sich verkleiden und ihr Zimmer umgestalten zu können – gerade aktuell, wo sie weniger draußen im Freien spielen können. Eltern können im Spiel ihrer Kinder sensibel wahrnehmen, welche Themen es gerade beschäftigen und darauf entsprechend reagieren.

Gegen soziale Distanz kann auch körperliche Nähe helfen, wie zum Beispiel mit seinen Kindern gemeinsam auf dem Sofa Bücher zu lesen oder ein Spiel zu spielen.

Ebenso bedeutsam ist ein geregelter Tagesablauf, denn dieser vermittelt Kontinuität und Sicherheit. Kinder sollten sich möglichst viel bewegen und draußen an der frischen Luft sein können. Das wirkt sich nicht nur positiv auf die körperliche, sondern auch auf die geistige und seelische Gesundheit der Kinder aus.

Rund um Kita: Wenn die Kindertageseinrichtungen und die Kindertagespflege (kurz: KiTa) etappenweise wieder öffnen, kann ja davon ausgegangen werden, dass viele Kinder schrittweise (wieder-) eingewöhnt werden müssen: Wie kann eine Wiedereingewöhnung in Zeiten von Corona aussehen?

Rahel Dreyer: Wie eine Wiedereingewöhnung in Zeiten von Corona aussehen kann, hängt stark davon ab, wie alt die Kinder sind und auch wie der Kontakt während der KiTa-Schließung von den Einrichtungen gehalten werden konnte oder nicht.

Rund um Kita: Können Sie ein paar Beispiele geben, wie die Fachkräfte in den Einrichtungen Kontakt zu den Familien gehalten haben?

Rahel Dreyer: Viele pädagogische Fachkräfte haben versucht, im Dialog mit den Kindern und ihren Eltern zu bleiben, damit der Übergang nicht so holprig wird. So wurden zum Teil Videofilmchen mit Liedern, Fingerspielen und Begrüßungen für Krippenkinder versendet sowie digitale Einheiten für die älteren KiTa-Kinder (zum Beispiel Morgenkreise via Videokonferenz-Tools, Anregungen für Experimente zu Hause) durchgeführt. Manche Fachkräfte haben auch ganz klassisch Briefe oder Portfolios von den Kindern als Erinnerung an die Kinder per Post gesendet sowie telefonisch Kontakt gesucht, um zum Ausdruck zu bringen, dass man sie vermisst und sich freut, wenn sie hoffentlich bald wiederkommen. Solche Kontaktbrücken können helfen, den Neustart positiv zu bewältigen, sind aber nicht alleinig ausreichend für deren Erfolg.

Wie Kitas trotz Corona mit Familien in Kontakt bleiben

Allerorts lassen sich Fachkräfte und Familien originelle Aktionen einfallen, um trotz der Corona-Schließzeit miteinander in Kontakt zu treten. Wir stellen hier einige Beispiele vor.

Rund um Kita: Was ist für einen erfolgreichen Neustart in der Kita außerdem wichtig und worauf sollten die Eltern bei der Wiedereingewöhnung achten?

Rahel Dreyer: Vor einer Wiedereingewöhnung sollten Eltern rückfragen, wie die diese konkret gestaltet wird. In manchen Einrichtungen erhalten die Kinder auch neue Bezugserzieher oder Bezugserzieherinnen, weil ihre bisherigen zum Beispiel zu einer Risikogruppe gehören und nicht im Dienst sind. In so einem Fall, aber auch wenn der Kontakt zur Bezugsperson zu lange unterbrochen war, ist – insbesondere für Kinder im Krippenalter – eine erneute kindorientierte und elternbegleitete Eingewöhnung notwendig. Da Kinder aufgrund der Hygienevorgaben vornehmlich in kleinen, konstanten Gruppen betreut werden, könnte auch das Konzept der Eingewöhnung in der Kindergruppe Orientierung bieten.

Rund um Kita: Sollten die Kinder direkt wieder täglich in die Kita gehen?

Rahel Dreyer: Ein täglicher Besuch des Kindes in Begleitung eines Elternteils und ohne Trennungsversuch in den ersten drei Tagen, dessen Dauer langsam gesteigert wird, sollte angestrebt werden. Mehrtägige Unterbrechungen von Kita-Besuchen – durch Staffelungen von wenigen, ganztägigen Kita-Besuchen pro Woche und Kind im Rahmen der Pandemie bedingten Teil-Öffnung von Kitas – sollten zumindest zu Beginn der Wiedereingewöhnung nach Möglichkeit vermieden werden. Ganz wichtig ist auch, bei Fragen und Irritationen immer wieder den direkten Kontakt zur Bezugserzieherin oder zum Bezugserzieher zu suchen, damit auftretende Probleme zeitnah gelöst werden können und bestehende Unsicherheiten nicht auf das Kind übertragen werden.

Rund um Kita: Haben Sie herzlichen Dank für das spannende Interview!

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