eins × drei =

19 + dreizehn =

„Kannst du mir das vorlesen?“ – in vielen Kitas und Familien vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Kind mit dem Lieblingsbuch unterm Arm genau diese Frage stellt. Wenn also am 20. November der alljährliche Vorlesetag mit bundesweiten Aktionen ansteht, werden viele Fachkräfte und Eltern sagen: Bei uns ist eigentlich jeder Tag ein Vorlesetag!  

Förderung unterschiedlicher Kompetenzen 

Es handelt sich um weit mehr als um Zeitvertreib, wenn kleine Kinder von Erwachsenen oder älteren Geschwistern vorgelesen bekommen oder gemeinsam Bücher anschauen. Zahlreiche Studien belegen, dass Mädchen und Jungen, denen regelmäßig vorgelesen wird, einen größeren Wortschatz haben und leichter lesen und schreiben lernen, als Gleichaltrige ohne Vorleseerfahrung. „Neben der Sprachentwicklung fördert das gemeinsame Lesen auch die Aufmerksamkeit, die Phantasie und die Neugierde der Kinder“, sagt Annegret Kieschnick, Erziehungswissenschaftlerin bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Die Expertin für Lesen in der frühen Bildung beobachtet insbesondere in den Kindertagesstätten einen wichtigen Trend: Das dialogische Lesen: „Es ist immer seltener wichtig, ob ein Buch komplett von vorne bis hinten durchgelesen wird. Vielmehr nutzen viele Fachkräfte die Vorlesesituationen gezielt, um mit den Kindern einzeln oder in kleinen Gruppen ins Gespräch zu kommen – und das kann auch schon auf Seite Zwei geschehen.“  

Schlüssel zu Interessen und Gefühlen der Kinder 

Im Zentrum des dialogischen Lesens stehen immer die Interessen der Mädchen und Jungen, sowohl beim Lesetempo, als auch bei der Auswahl des Lesestoffs. „Indem sie sich ein bestimmtes Buch wünschen, zeigen sie, welches Thema sie gerade interessiert oder beschäftigt. Daran können die Fachkräfte dann anknüpfen.“ Insbesondere dann, wenn ein Kind an einer bestimmten Textstelle oder an einem bestimmten Bild(ausschnitt) hängenbleibt, fragen die Erwachsenen auch mal gezielt nach: Hast du schon mal Ähnliches erlebt? Was denkst du darüber? Wie fühlt sich die Figur in dem Buch wohl gerade? Geht es dir manchmal genauso? Auf diese Weise werden die Bücher zum Schlüssel zur Gefühlswelt der Jüngsten. Dafür brauche es auch gar keine komplette Geschichte, findet Annegret Kieschnick: „Ein gutes Wimmelbuch oder ein Spielzeugwarenkatalog sind genauso gut dafür geeignet, um mit dem Nachwuchs ins Gespräch zu kommen.“ 

Was denkst du – was macht das Kind da gerade? Bücher schaffen Gesprächsanlässe (Foto: DKJS / J. Erlenmeyer, N. Götz)

Bücher können Vielfalt vermitteln 

Ein vielseitiges Angebot sowie eine bewusste Auswahl an passenden Büchern sind gerade im Kita-Alter wichtig, da die Kinder in dieser Zeit schon ein Gefühl für bestimmte Werte entwickeln, sagt die Expertin. „Alle Mädchen und Jungen sollten sich in den Büchern wiederfinden. Idealerweise zeigen die Geschichten und Bilder also ganz unterschiedliche Familienkonstellationen, Hautfarben sowie Kinder mit und ohne Brille oder auch im Rollstuhl.“ Ebenso sollten Rollenklischees vermieden werden – etwa indem Bücher selbstverständlich auch Astronautinnen, Väter mit Babytrage oder Erzieher im Kindergarten zeigen. Was wiederum nicht heißt, dass Anna, Elsa und Paw Patrol tabu seien, betont Annegret Kieschnick: „Aber darüber hinaus sollten auch viele Bücher zugänglich sein, die die gängigen Stereotype nicht reproduzieren. So kann man Kindern gut vermitteln, dass vielfältige Lebensformen, Familien und Interessen normal sind.“ 

… und Strategien zum Wissenserwerb  

Während die Wissensvermittlung durch Bücher im Kita-Alter noch zweitrangig ist, können etwas ältere Kinder beim Lesen schon wichtige Strategien erwerben: „Sie lernen, die eigenen Interessen zu vertiefen, Hypothesen zu formulieren und in einem Buch nachzuschlagen, wenn sie etwas nicht wissen. Dafür halten sich die Fachkräfte idealerweise bewusst mit ihrem Wissen zurück und lassen die Mädchen und Jungen selbst die Antworten finden.“  


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Wie Eltern schöne Lesemomente schaffen können

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Lesen als wichtiges Ritual 

Zurückhaltung der Erwachsenen ist auch dann angebracht, wenn Kinder immer wieder dasselbe Buch anschauen oder vorgelesen haben wollen: „Fachkräfte und Eltern sollten diesen Wunsch respektieren. Denn gute Bücher begleiten die Kinder oft über Wochen oder sogar Jahre hinweg. Bekannte Geschichten und damit verbundene Vorleserituale vermitteln einfach Geborgenheit.“ Nicht zuletzt kommt der Nachwuchs beim Vorlesen wunderbar zur Ruhe und können sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der Erwachsenen sicher sein.   


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