achtzehn − dreizehn =

3 × fünf =

Warum ist Demokratiebildung schon in der frühen Bildung wichtig? Wie kann Demokratie konkret und praktisch im Kita-Alltag gelebt werden? Und vielleicht die wichtigste Frage: Was haben eigentlich die Kita-Kinder von Kinderparlament und Co.? Der KTK-Bundesverband, Kooperationspartner von Rund um Kita, hat sich in dem Projekt „Demokratie in Kinderschuhen“ Mitbestimmung und Vielfalt in seinen Kitas auf die Fahne geschrieben. Mitglied in diesem Verband ist auch die Katholische Kindertageseinrichtung St. Barbara in Essen, die sich in der Vergangenheit auch für den Deutschen Kita-Preis beworben hatte

Kita-Leiterin Martina Reinecke gibt im folgenden Interview Auskunft, wie Demokratie allgegenwärtig den Kita-Alltag in ihrer Einrichtung prägt und wie alle Beteiligten – Kinder, Eltern und pädagogisches Personal – davon profitieren.

Was bedeutet Demokratie für Ihre Einrichtung im Kita-Alltag? Können Sie anhand eines Beispiels erläutern, wie das Demokratieprojekt konkret im Kita-Alltag in Ihrer Einrichtung gelebt wird?

Die Kita-Kinder und die Fachkräfte stehen permanent in einem gemeinsamen Austausch – hier werden natürlich auch Probleme thematisiert, die im Kita-Alltag auftreten. Beispielsweise waren die Kinder mit der täglichen Situation während des Frühstücks und des Mittagessens unzufrieden und haben dann gemeinsam mit uns ganz neue und ungewohnte Lösungswege gefunden, die alle Beteiligten zufrieden und glücklich gemacht haben: 

Vom Essens-Chaos zum eigenen Café
  • Ausgangssituation: Frust hat sich breit gemacht – die räumliche Situation zur Frühstücks- und Mittagszeit ist schwierig: Bisher wird in den Gruppenräumen gegessen, es müssen Tische umgeräumt werden, die Kinder benötigen unterschiedlich lange zum Essen, es herrscht viel Unruhe und alles ist ein wenig chaotisch. Wir wollen etwas ändern. Nur wie?!

 

  • Strategie: Gemeinsam mit den Kindern erarbeiten wir Optionen, die wir ausprobieren wollen.

 

  • Lösung: Wir richten ein separates Frühstückscafé ein und beschließen gemeinsam Regeln.

  • Gemeinsam getroffene Schluss-Vereinbarung: Wir richten das Frühstückscafé im Advent ein und probieren es aus. Im neuen Jahr entscheiden wir, ob das Café bleibt oder ob wir wieder in den Gruppen frühstücken.

Die Vorweihnachtszeit bescherte den Kita-Kindern ein Adventscafé – die Idee dazu kam den Kindern gemeinsam mit ihren Erzieherinnen Foto: Kita St.Barbara

 

Update: Das Advents-Café war für die Kinder ein riesen Erfolg – Anfang 2020 wurde erneut abgestimmt und die Mehrzahl der Kinder entschied sich dafür, das Frühstückscafé weiterzuführen. Unter dem schönen Namen „FreundeCafé“ wird hier nun auch zukünftig in gemütlicher Atmosphäre gefrühstückt.

Aus dem Adventscafé wurde das FreundeCafé – inzwischen eine feste und beliebte Institution in der Kita St.Barbara Foto: Kita St. Barbara

 

 

Wie sind Sie dazu gekommen, das Demokratieprojekt in Ihrer Einrichtung umzusetzen? Gab es hierfür einen besonderen Auslöser? Warum ist Ihrer Meinung nach Demokratiebildung in der Kita wichtig?

Demokratiebildung ist schon seit vielen Jahren in unserem Kita-Alltag gesichert, geprägt durch das soziale Miteinander der Kinder während des täglichen, viele Stunden umfassenden Freispiels, wo Kinder selbst Entscheidungen treffen. Hier lernen sie eigene Interessen zu bekunden, abzuwägen und dafür Verantwortung zu übernehmen. Wir Erzieherinnen begleiten das Spiel beobachtend und haben inzwischen gelernt, Handlungsweisen und Entscheidungen der Kinder zu akzeptieren, auch wenn diese nicht immer unseren Idealvorstellungen entsprechen. Das gilt auch für Konfliktlösungen. Die Kinder entwickeln im Gruppenleben eine Gesprächs‐ und Streitkultur und wir Erzieherinnen sind manchmal erstaunt über ihre Lösungen. Zur Unterstützung bei Konflikten gibt in jeder Gruppe zwei Mediatoren und Mediatorinnen. Für dieses Amt können sich Kinder zur Wahl stellen und werden für einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen bei einem Gruppentreff von der Gruppe gewählt. Die neu gewählten Streitschlichter und Streitschlichterinnen werden, für alle Gruppenkinder sichtbar, an der Info-Wand im Gruppenraum gekennzeichnet.

Für uns Erzieherinnen ist klar: Kinder von heute sind die Macher von Morgen.

Deshalb fördern wir freiheitlich‐demokratisches Denken und Handeln und ermöglichen den Mädchen und Jungen von Anfang an im Rahmen ihrer Entwicklung Mitsprache und Mitbestimmung. So erleben die Kinder, dass ihre Mitmenschen Vertrauen in ihre Entscheidungskompetenz setzen, diese anerkennen und akzeptieren. So lernen die Mädchen und Jungen hier in der Kita, das gemeinschaftliche Wohl im Auge zu haben, Entscheidungen im Interesse der Gemeinschaft zu treffen und das gemeinschaftliche Gelingen nach Kräften zu unterstützen.

In der Kita St. Barbara wird viel gemeinsam abgestimmt – die Kinder haben dabei verschiedene Möglichkeiten ihre Meinung zu äußern und mitzubestimmen Foto: Kita St.Barbara

Inwiefern verändert Demokratiebildung die Lebenswelt der Kinder auch über die Kita hinaus? Welche Rolle spielen hier PädagogInnen, welche Rolle spielen die Eltern und das Umfeld?

Bei uns gibt es regelmäßige Dienstbesprechungen, in denen unter anderem auch Alltagssituationen wie zum Beispiel die Regelung des Mittagessens oder Absprachen zum Spiel in Kleingruppen, auch außerhalb der Gruppenräume, besprochen werden. So gibt es Verbindlichkeiten, auf die die Kinder sich verlassen können. Diese Regelungen werden auch den Eltern in Elterngesprächen oder bei Gesprächsabenden erläutert, so dass sie die Situationen besser verstehen können, wenn zum Beispiel eine Kleingruppe die Entscheidung trifft, dass sie heute mal alleine im Nebenraum spielen möchten und das eigene Kind sich zu Hause beklagt, weil es nicht mitspielen durfte.

Es gibt viele Situationen hier im Kita-Alltag, bei denen die Kinder eine Entscheidung treffen, die nicht immer den Wünschen der Eltern entspricht.

 Zum Beispiel die Situation während des Mittagessens. Hier können die Mädchen und Jungen selbst entscheiden, was und wieviel sie essen möchten. Zwar ermuntern wir die Kinder, das Gericht zu probieren, aber akzeptieren, wenn ein Kind nein sagt. Diese Lösung ist nicht immer für alle Mitarbeiterinnen und Eltern von Anfang an die beste gewesen. (Wir haben beobachtet, dass auch die Kinder, die anfänglich nichts mögen – außer Nudeln mit Tomatensoße –, nun doch einige Gerichte essen oder zumindest probieren.) Ein weiteres Beispiel: Anfang November haben die Kinder für sich entschieden, ob sie die Martinsfeier aktiv mitgestalten, welche Rolle sie übernehmen möchten oder ob sie nur zuschauen. Hier waren Erzieherinnen und Eltern überrascht, welche Kinder aktiv mitmachen und welche nur zuschauen wollten. Dadurch, dass die Kinder selbst entschieden haben, war auch auf sie Verlass und sie haben einen tollen Beitrag zum Fest geleistet.

Das Projekt „Demokratie in Kinderschuhen. Mitbestimmung und Vielfalt in katholischen Kitas“ des KTK-Bundesverbandes ist Teil des Kooperationsprojekts „Demokratie und Vielfalt in der Kindertagesbetreuung“. Es wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesfamilienministerium gefördert.

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Demokratie in der Kita