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Wie bekommen Eltern ein Gespür für das Kitaleben, wenn sie nur wenig Sprachkenntnisse oder keine Zeit für Elternabende haben? Ein Besuch im Evangelischen Eltern-Kind-Zentrum Kieselgrund Mannheim – einem Finalisten des Deutschen Kita-Preises.

„Juhuuu!“ Mit freudigem Gebrüll springen die Kinder vom Spieletisch auf, als der Turm krachend in sich zusammenfällt. Alltag in einer Kita, könnte man meinen. Doch heute macht das Stapelspiel mit den Holzbausteinen besonders viel Spaß:

Denn Annas Mutter ist mit von der Partie und lässt sich auch gleich zu einer weiteren Spielrunde überreden. Zwar versteht sie kaum Deutsch, aber was das energische „Nochmal!“ der anderen Kinder bedeutet, kann sie sich denken.

Zusammentreffen im Flur

So wie Annas Mutter sitzen heute einige Eltern im Flur des Mannheimer Eltern-Kind-Zentrums Kieselgrund an kleinen Tischen, um mit ihren Kindern und im Beisein einiger Kita-Fachkräfte verschiedene Gesellschaftsspiele auszuprobieren. „Flur-Aktion“ nennt die Einrichtung das: Einmal im Monat wird der lichtdurchflutete Gang für Aktivitäten genutzt, die Müttern und Vätern beim Abholen verschiedene Themen aus dem Kita-Alltag nahebringen. Heute sind Brett- und Tischspiele an der Reihe.

„Die Eltern können erleben und buchstäblich begreifen, was ihre Kinder in der Kita machen und wie wir arbeiten“, sagt Claudia Hauschild, die Leiterin der Einrichtung. Das könne man mit Infoblättern oder Elternabenden zu pädagogischen Themen nicht erreichen: „Nur ein Bruchteil der Väter und Mütter hat entsprechende Deutschkenntnisse. Und selbst wenn, dann haben sie oft andere Probleme oder abends keinen Babysitter.“

Info-Angebote für alle

Dennoch wollen Eltern – unabhängig von ihrem Engagement in Beiräten, ihrem sozialen Status oder kulturellen Hintergrund – natürlich gerne wissen, was ihr Kind den Tag über erlebt. Damit alle gleichermaßen an den Vorgängen des Kita-Alltags teilhaben können, setzen viele Einrichtungen auf so-genannte niedrigschwellige Angebote (s. Infobox weiter unten). Was das alles konkret sein kann, wird im Mannheimer Kieselgrund deutlich.

Schon bevor ihre Kinder das Kita-Alter erreichen, lernen viele Eltern die Einrichtung in Krabbel- oder Frühstückstreffs kennen. Bei den Aktionen „Eltern und Kinder gemeinsam unterwegs“ zeigt das Kita-Team günstige oder kostenlose Freizeitmöglichkeiten im Umfeld auf. Und im Rahmen der „Flur-Aktionen“ kommen die Eltern nicht nur zum Spielen, sondern auch zum Kochen, Lesen, Basteln oder für einen Bewegungsparcours in die Kita. Die Themen dafür schlagen nicht nur die Fachkräfte, sondern auch die Kinder selbst vor.

Wie sich Eltern und Fachkräfte kennenlernen können

Wie ein typischer Kita-Tag abläuft, können die Eltern auch bei Hospitationen in den Gruppen miterleben. Das Kennenlernen im Alltag funktioniert im Kieselgrund aber auch andersherum: So bieten die Fachkräfte an, für das Erst- oder Entwicklungsgespräch zu den Familien nach Hause zu kommen. Und obwohl viele unter einfachen Verhältnissen wohnen, nehmen die Eltern das Angebot gerne an: „Das vertraute Wohnumfeld gibt ihnen Sicherheit. Außerdem fühlen sie sich durch unsere Besuche gewertschätzt“, sagt Claudia Hauschild. Die Fachkräfte kennen die Lebensumstände der Familien und zeigen sich verständnisvoll, dass heute nicht so viele Eltern an der Spieleaktion teilnehmen, wie sonst: „Wir haben wegen einer Krankheitswelle verkürzte Öffnungszeiten und bei so gutem Wetter gehen die Familien auch lieber nach draußen“, erklärt die Kita-Leiterin.

Sich eingeladen – aber nicht verpflichtet fühlen

Beim Abholen gelangen alle Eltern erst einmal in den großen Flur. Dort finden sie ihre Kinder an den Tischen und ins Spiel vertieft, die Fachkräfte mittendrin: „Wollen Sie kurz bleiben und mitmachen?“ fragen diese freundlich alle, die hereinkommen. „Nein, wir müssen leider gleich heim, meine andere Tochter ist krank“, sagt eine Mutter im gebrochenen Deutsch. „Keine Zeit“, schüttelt ein Papa im Vorbeigehen den Kopf. So spielen die Fachkräfte und Kinder zunächst einmal allein. „Es ist wichtig, auf die Leute zuzugehen und sie einzuladen, aber man darf auch nie vergessen, dass dies eine freiwillige Aktion ist“, betont Meike.

© DKJS / C. Grehl (alle Bilder dieser Seite)

Nach und nach trudeln dann doch noch eine Handvoll Eltern ein und verteilen sich an die Spieletische. Eine Frau mit Kopftuch und Kinderrucksack in der Hand steht unschlüssig im Flur und sucht ihren Sohn Hevar. Der springt auf und zerrt seine Mama bettelnd zurück zum Spieletisch. Denn er hat gerade mit Erzieherin Elfi ein Hühnerspiel begonnen. Die versucht ihr Glück noch einmal: „Na, wollen sie vielleicht eine Runde mitspielen, bevor Sie gehen?“ Na gut – Hevars Mutter lächelt und setzt sich auf eines der kleinen Stühlchen.

Gemeinsamer Spaß im Vordergrund

Wie die Brettspiele sind auch die anderen Themen der „Flur-Aktionen“, wie Lesen, Bewegung und Ernährung, leicht verständlich und können von den Familien selbstständig im Alltag wieder aufgegriffen werden. „Es wäre natürlich ideal, wenn wir auch Impulse für zuhause geben können, aber eigentlich erwarten wir das nicht“, sagt Claudia Hauschild. „Für uns und die Kinder ist schon die Extra-Zeit mit den Müttern und Vätern etwas Besonderes. Das gemeinsame Erlebnis steht im Vordergrund.“ Während die Kinder sich freuen, einmal mit ihren Eltern und Erzieherinnen spielen zu können, nutzen diese wiederum die Gelegenheit, sich in ungezwungener Atmosphäre etwas besser kennen zu lernen.

So geht eine Mutter interessiert auf einen Tisch zu, auf dem ihre Tochter Alina gerade mit der Sprachpädagogin Meike ein Legespiel mit Bildern aus verschiedenen Kulturkreisen ausbreitet. „Bei der Elternansprache arbeiten wir generell viel mit Symbolen“, erzählt die Fachkraft. „Aber wenn man sich sympathisch findet, braucht man, wie beim Spielen, oft gar keine Worte. Hauptsache alle haben gemeinsam Spaß.“ Die Eltern-Kind-Aktivitäten der Kita würden gut angenommen, berichtet auch Erzieherin Elfi: „Bei der letzten Bastelaktion waren die Eltern so begeistert bei der Sache, dass wir sie am Ende fast rausschmeißen mussten.“

Heute leert sich der Kita-Flur etwas schneller als sonst. Aber Annas Mama ist bis zum Ende geblieben. Ob ihr die Spieleaktion auch Spaß gemacht habe? „Tschuldigung, verstehe nicht… Aber alles gut!“ sagt sie vergnügt und winkt den Fachkräften noch einmal zu, bevor sie mit ihrer Tochter nach Hause geht.

Infobox: So lernen alle Eltern die Kita und ihr Umfeld kennen

Niedrigschwellige Angebote…

  • sind leicht verfügbar: Sie finden in der Kita oder im nahen Umfeld statt und es wird nur wenig oder kaum Material benötigt.
  • finden zu machbaren Uhrzeiten statt: Etwa zu Hol- und Bringzeiten oder mehrmals. Wenn auch Kinder teilnehmen können, brauchen die Eltern keinen Babysitter.
  • vermeiden Ausgrenzung: Mitmachen erfordert keine besonderen (Sprach-)Kenntnisse oder Lebensstandards (z. B. Auto, Babysitter)
  • ermöglichen eine kostenfreie Teilnahme ohne besondere Hilfsmittel
  • orientieren sich thematisch am Alltag in den Kitas und Familien: Kochen, spielen, nach draußen gehen, lesen…
  • sind freiwillig: Eltern können spontan und ohne Anmeldung teilnehmen – oder auch gar nicht.

 

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