Das Wort Inklusion fehlt heute in kaum mehr einem Kitakonzept. Doch mit der Umsetzung tun sich doch noch einige schwer. Als beispielsweise der Träger der Kita meiner Tochter offiziell das Jahr der Inklusion in seinen Einrichtungen ausrief, meinte wenig später ein Erzieher in Hinblick auf meine Familie, dass es ihm mit der Vielfalt nun aber zu weit gehe. „Normale“ Familien seien noch immer in der Mehrheit und dann dürfe sich eine Kita auch in erster Linie nach diesen Familien richten.

Es gibt keine „normalen“ Familien. Familien sind unterschiedlich. Jede Familie hat einen unterschiedlichen Hintergrund und jedes Kind kommt mit unterschiedlichen Themen und unterschiedlichen Bedürfnissen in eine Kita. Kinder sprechen in ihren Familien unterschiedliche Sprachen, die Familien haben mehr oder weniger Geld zur Verfügung, Kinder können besser, weniger gut oder gar nicht sprechen, laufen oder mit Messer und Gabel essen, sie lernen schneller oder langsamer und leben beispielsweise mit einem alleinerziehenden Elternteil oder haben – so wie in meiner Familie – gleich drei Eltern.

Inklusion meint mehr als eine Rollstuhlrampe am Eingang einer Kita zu bauen und auf den Fotos auf der Kita-Homepage, Kinder unterschiedlicher Herkunft abzubilden. Beides ist wichtig, ersetzt jedoch keine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema. Neben den Kitas und ihren Trägern ist vor allem die Politik gefragt, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen. Erzieher und Erzieherinnen müssten für ihre Leistung angemessen (sprich: besser) entlohnt werden und die Kitas müssen mit mehr Stunden ausgestattet, das heißt die Betreuungsschlüssel müssten besser werden. Es hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Auch in unserer Kita. Mittlerweile sprechen die Erzieher und Erzieherinnen selbstverständlich von den beiden Müttern meiner Tochter. Sie schaffen Kinderbücher an, in denen unterschiedliche Familienkonstellationen repräsentiert sind und bilden sich zum Thema fort. Inklusion ist damit jedoch noch lange nicht am Ziel.

Aber auch die Eltern sind in der Verantwortung. Sie sollten erkennen, dass ihrem Kind nichts weggenommen wird, wenn die Erzieher und Erzieherinnen auch andere Familienkonstellationen selbstverständlich berücksichtigen oder sich mehr mit einem anderen Kind beschäftigen, weil dieses aus welchem Grund auch immer ebendiese zusätzliche Betreuungszeit benötigt. Im Gegenteil: ihrem Kind geht nicht nur Nichts verloren, es kann auch viel über das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft lernen. Es bedeutet darüber hinaus, dass im Idealfall auch ihr Kind nicht nach einem bestimmten vorher festgelegten Schema betreut wird, sondern ebenfalls mit seinen individuellen Bedürfnissen gesehen und angesprochen werden kann.

Es sollte nicht die Aufgabe einer Kita sein, eine möglichst homogene Gruppe von Kindern zu bilden. Das ist weder möglich noch wünschenswert. Es ist vielmehr die Aufgabe einer Kita, die Vielfältigkeit in ihrer Einrichtung zu feiern und den Umgang mit den unterschiedlichen Bedürfnissen zu organisieren. Dass Kinder unterschiedlich sind, ist kein Problem, sondern eine Chance und ein Wert an sich.

Die Institution Kita (mit allen Beteiligten – von den Erzieherinnen und Erziehern, über die Verantwortlichen bei den Trägern bis zu den Eltern) sollte in dieser Auseinandersetzung nicht neutral bleiben. Die Frage, wie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Bedürfnissen und Voraussetzungen zusammenleben können, wird immer eine der grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft bleiben. Ich wünsche mir, dass wir – auch und vor allem im Bereich Kita – möglichst vielen Menschen die Möglichkeit geben, gemeinsam an der Beantwortung mitzuarbeiten und unsere Gesellschaft gemeinsam zu gestalten.

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