Den ganzen Tag spielen und nach dem Mittagessen nach Hause: Das sind die ersten Erinnerungen, die mir einfallen, wenn ich an meine Kindergartenzeit denke. Lange ist es her, aber da sind einige Dinge, die sich in mein Gedächtnis eingegraben haben: der kleine Teich im Treckerreifen zum Beispiel. In dem wir Kinder damals Kaulquappen beobachteten. Die Zeit ohne meine Eltern, das erste Abnabeln von zuhause, die ersten Schritte in die Selbständigkeit. Das Händefalten und Beten vor dem Essen ist so eine andere Erinnerung. Ich fühlte mich wie ein kleiner Rebell, wenn ich die Hände unterm Tisch versteckte und nicht brav faltete. Ich war in einem kirchlichen Kindergarten – der einzige, den es in meinem Dorf damals gab. Eltern hatten damals keine Auswahl. Man musste den Kindergarten nehmen, der dem Wohnort am nächsten lag. Und die Wahl an pädagogischen Ausrichtungen wie heutzutage – die hatten meine Eltern nicht. Schon gar nicht auf dem Lande. 

 

Wer die Wahl hat, hat die Qual?

 

Heute gibt es in diesem 4000-Einwohner-Dorf, in dem ich aufwuchs, einen kommunalen und einen kirchlichen Kindergarten. Man kann seine Kinder auch in den Waldkindergarten schicken, den es auch in der Gemeinde gibt. Ganz zu schweigen von dem Angebot, das es heute in den größeren Städten gibt – von Waldorf über Montessouri bis hin zu Musikkindergärten: Eltern haben heute die Wahl, damit aber auch die Qual. Die Zeiten haben sich geändert. 

Auch, was die Betreuungszeiten betrifft. Ganztagsplätze? Fehlanzeige! Und sogar ein Teilzeitjob wurde damals, vor 30 Jahren, erschwert: So hatte ich zum Beispiel einen Vormittagsplatz im Kindergarten – und nach dem Mittagessen wurde ich abgeholt und mein Bruder hingebracht. Denn der hatte einen Nachmittagsplatz. Vier Stunden – mehr war sowieso nicht drin, vor 30 Jahren auf dem Lande in Schleswig-Holstein. 

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Was sich aber nicht geändert hat: Ich bin genauso gerne in den Kindergarten gegangen wie meine Kinder. Wir haben gespielt, was das Zeug hält. Kaum war ich im Kindergarten angekommen, stürzte ich mich ins Spiel, verkleidete ich mich, baute ich mit Bauklötzen oder tobte durch den Garten. Genauso wie meine Kinder heute, die in einen ganz normalen städtischen Kindergarten gehen – in dem viel Wert auf freies Spiel und Mitbestimmung gelegt wird. So ist auch das freie Spiel die Haupterinnerung, die ich an meine Kindheit habe. Natürlich gab es Singrunden, wir haben auch getanzt und viel gebastelt – aber das, was vor allem in meiner Erinnerung präsent ist, sind die vielen Stunden, die ich einfach nur gespielt habe, im Spiel versunken bin (die vielen Kartons voller Basteleien, die meine Mutter bis heute hortet, bezeugen jedoch, dass ich auch viel Zeit am Basteltisch verbracht haben muss). 

Aber ist das nicht die schönste Erinnerung, die man Kindern bereiten kann? Die Erinnerung an das glückliche Spielen, an diesen Flow, den nur Kinder so haben können? Wenn man alles um sich herum vergisst, nur noch das Spiel existiert? 

Genau aus diesem Grund bin ich froh, dass im Kindergarten meiner Kinder das freie Spiel so im Vordergrund steht. Denn diese kostbaren Erinnerungen sollen meine Kinder später auch einmal haben. An diese vielen glücklichen Spielstunden mit ihren Freunden. Glücklicherweise rückt das freie Spielen wieder stärker in den Fokus der kindlichen Früherziehung  – und immer mehr Studien belegen, wie wichtig das freie Spielen für die Entwicklung ist und wie sehr  Kinder durch dieses Spielen lernen.  

Was nicht heißt, dass meine Kinder heutzutage im Kindergarten keine Vorbereitung auf die Schule erhalten. Ganz im Gegenteil: Wenn ich sehe, mit welchen Vorkenntnissen mein sechsjähriger Sohn in diesem Sommer eingeschult wurde, kann ich nur staunen. Denn so viel haben wir damals im  Kindergarten nicht gelernt. Klar konnten wir damals auch zählen und unseren Namen schreiben, ja sogar das ganze Alphabet – aber das ist kein Vergleich zu den Kenntnissen, die viele Kinder heutzutage mit in die Grundschule bringen.  

Auch die ganzen Ausflüge, die meine Kinder im Kindergarten unternehmen, haben wir damals nicht gemacht. Natürlich ging es irgendwann einmal in den  nahegelegenen Wald und auch ins Theater ging es einmal. Aber meine Kinder machten vom ersten Elementarjahr an jede Woche einen Ausflug. Erst zu den Spielplätzen in der Umgebung, dann jede Woche einmal einen ganzen Vormittag in den Wald, von Puppentheaterbesuchen ganz zu schweigen. Im letzten Jahr vor der Schule ging es kreuz und quer durch die Stadt, ins Rathaus, in die Kirchen, zur Feuerwehr und Polizei – und immer wieder auch mal an den Strand, der eine halbe Stunde Busfahrt entfernt ist.  

 

Viel Wandel, aber auch viele Ähnlichkeiten

 

Es hat sich einerseits vieles verändert in den vergangenen 30 Jahren – und andererseits ist vieles gleich geblieben. Ob es früher besser war, wie so oft gesagt wird? Nein  – da bin ich mir sicher. Für uns Eltern ist es heute einfacher geworden  – trotz oder gerade wegen der vielen Wahlmöglichkeiten, die geschaffen wurden. Natürlich war es früher einfacher, einen Kindergartenplatz in  Wohnortnähe zu bekommen. Aber ein Vollzeitplatz mit Mittagsschlaf und Mittagessen? Das war zumindest bei uns in Westdeutschland eher rar. Schon gar nicht auf dem Lande in Schleswig-Holstein. Ich kann mich auch erinnern, dass meine Mutter, eine Lehrerin, als arbeitende Mutter in der Unterzahl war. Aber bei allen Klagen über Wartelisten für besonders begehrte  Kindergärten oder Ganztagskrippenplätze – es hat sich doch so einiges verbessert für uns Eltern.  

Und für unsere Kinder? Wenn ich meine Kinder sehe, dann kann ich sagen: Dieses heimelige Gefühl „ich gehe in den Kindergarten und spiele und spiele und spiele“ gibt es für sie immer noch.  Genau wie bei mir damals. Diese Anreize durch das Spielen mit anderen Kindern, durch das Nachahmen, miteinander Agieren, das ganze Sozialgefüge, die Zeit ohne elterliche Aufsicht, die im Kindergarten eingeforderte Selbständigkeit und was die Kinder daraus für ihr Leben lernen – das kann ich ihnen zuhause nicht bieten. Und es ist dasselbe, was sie aus ihrer Kindergartenzeit mitnehmen, wie ich damals. Ich bin fest davon überzeugt, dass die drei Kindergartenjahre nach wie vor wichtig für unsere Kinder sind, als Vorbereitung für die Schule und das ganze weitere Leben.  

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