Warum Leitungsfachkräfte wirtschaftlicher denken müssen, als ihnen lieb ist und wie Eltern die pädagogische Arbeit unterstützen können. Ein Interview mit Christiane Michels, Leiterin der Kita Böcklerstraße in Hamburg-Horn.

 

Frau Michels, was beschäftigt Sie in Ihrer Leitungsfunktion derzeit am meisten?

Ich kann zunächst einmal froh sein, dass wir hier in Hamburg eine echte Freistellung für Leitungsaufgaben haben. Das ist nicht in allen Bundesländern so. Ich kann mich also voll und ganz meinen Aufgaben widmen – und doch stehe ich täglich vor einem Berg an Aufgaben.

     „Das betriebswirtschaftliche Denken
widerstrebt mir als Sozialpädagogin.“

Eine fast tägliche Herausforderung, mit denen wir Kita-Leitungen speziell in Hamburg, aber auch in manchen anderen Städten zu kämpfen haben, ist das Kita-Gutschein-System. Das Land zahlt nur für die tatsächliche Betreuungszeit, so dass ich ständig abwägen muss: Wie viele Kinder muss ich in welchem Stundenumfang aufnehmen, um mein Personal bezahlen zu können? Macht es Sinn, schon im Frühjahr neu einzugewöhnen, damit Kollegen mit dem Wegbrechen von jährlich etwa 40 Vorschulkindern im Sommer nicht ihre Stelle verlieren oder in eine andere Kita wechseln müssen? Wie viele Kinder muss ich wann aufnehmen, um die Eingewöhnungen der Kinder – besonders im Krippenbereich – für Kinder, Eltern und Kolleginnen gut zu gestalten? Dieses sehr wirtschaftlich orientierte Denken widerstrebt mir als Sozialpädagogin. Generell ist die Abwägung zwischen Wirtschaftlichkeit und Pädagogik ein schwieriges Unterfangen.

„Schade, bei einer Neueinstellung zu denken:
Die fehlt jetzt in einer anderen Kita.“

Christiane Michels, Leiterin der Kita Böcklerstraße (©privat).

Wie betrifft der Erzieher-Fachkräftemangel auch die Kinder?

Der Fachkräftemangel ist in unserer Kita auch präsent. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um eine Vollzeit-Stelle zu besetzen, in dieser Zeit war eine Person weniger für die Kinder da. Ich habe zum Glück jemanden gefunden, aber es ist doch schade, zu denken: Die fehlt jetzt den Kindern in einer anderen Kita.

Außerdem benötigen die „frischen“ Absolventen oder Quereinsteiger meines Erachtens immer eine längere Einarbeitungsphase, da ihnen die Komplexität der täglichen Aufgaben einer Erzieherin noch nicht bekannt und vertraut ist. Insbesondere wenn diese, wie bei uns, in einem sozialen Brennpunkt anfallen.

 

Welches Image hat Ihre pädagogische Arbeit bei den Eltern?

Wir kämpfen immer noch mit dem Vorurteil, dass das Kita-Personal gut betreuen und spielen, aber nicht ausreichend bilden kann. Das merkt man bei uns am Beispiel der Vorschule. Die Eltern können sich in Hamburg nämlich entscheiden, ob sie ihr Kind zur Vorschulbetreuung in die Kita oder in die Schule schicken. Viele Eltern entscheiden sich für die Schule, weil sie fürchten, ihr Kind sei bei uns unterfordert. Dabei haben auch wir die Kompetenzen für eine gute Vorschulbildung und den Kindern würde es so guttun, in der Kita endlich mal zu den Großen zu gehören. Stattdessen sind viele dann in der Schule überfordert und wieder die Kleinsten.

Wir erleben aber auch, dass Eltern die Verantwortung für ihre Kinder komplett in die Hände der Kita geben. Misserfolge in der Schullaufbahn werden dann mit einer nicht ausreichenden Förderung der Kinder in der Kita begründet.

Bei den Eltern der Integrationskinder hingegen erleben wir eine sehr große Wertschätzung: Viele suchen beispielsweise Unterstützung bei der Förderung ihrer Kinder und Begleitung im Zusammenhang mit der bevorstehenden Einschulung. Durch den regelmäßigen interdisziplinären Austausch – wir beziehen auch Therapeuten und Heilpädagogen mit ein – entwickeln wir ein gutes Vertrauensverhältnis zu diesen Eltern.

„Wenn ich mehr Zeit habe, die Kollegen und Eltern gut zu beraten, profitieren auch die Kinder.“

Wie profitieren Kinder und Eltern von einer gestärkten Leitungsfachkraft? Kann in dieser Hinsicht überhaupt ein direkter Zusammenhang hergestellt werden?  

Natürlich kann ich mich mit freien Zeitkapazitäten, in denen ich keine Verwaltungsaufgaben bearbeite, besser um die Pädagogik kümmern, zum Beispiel Kollegen fachlich noch mehr unterstützen und beraten. Das kommt dann auch bei den Kindern an.

Weil die meisten Jungen und Mädchen aus einkommensschwachen oder zugewanderten Familien kommen, machen wir in den Elterngesprächen auch viel Sozialarbeit. Wenn ich weniger Zeit mit Bürokratie verbringen müsste, könnte ich noch intensiver für die Kinder und Eltern da sein, etwa in Einzelgesprächen. Oder mich endlich mal um gemeinsame Aktivitäten oder die schon lange geplante Familienbücherei kümmern. Doch für diese wichtigen sozialen und pädagogischen Aufgaben fehlt mir momentan die Zeit. Ich denke aber, das kann in anderen Einrichtungen, Stadtteilen oder Bundesländern schon wieder ganz anders aussehen. Jede Leitungsfachkraft hat ihre ganz eigenen Herausforderungen.

„Eltern sind die besten Fachleute für ihr Kind.
Sie können uns helfen, es besser kennenzulernen.“

Können die Eltern selbst zur Stärkung der Leitungsfachkraft beitragen? Was nehmen Sie als Unterstützung wahr?

Für mich sind Eltern die besten Fachleute für ihr Kind, denn sie können es am besten einschätzen. Daher hilft es uns enorm weiter, wenn sie uns viel über ihr Kind erzählen und uns dadurch helfen, es besser kennen zu lernen. Sie können auch unsere eigene Wahrnehmung des Kindes stärken, indem sie uns Rückmeldung geben: Wie sehen sie ihr Kind? Sind da Diskrepanzen zu unseren Eindrücken? Wie können wir gemeinsam das Beste aus dem Kind herauslocken? Um diese Fragen zu beantworten, brauchen wir die Unterstützung der Eltern.

Unser Kita-Team freut sich aber auch über vermeintliche Kleinigkeiten – etwa, wenn uns ein Vater hilft, einen schweren Schrank die Treppe herunter zu tragen. Besonders schön ist es, wenn Eltern nach Berichten ihrer Kinder oder auch nach einer Präsentation von Kita-Projekten direkt zu uns kommen und sagen: „Das finde ich toll.“ Denn nur so bekommen wir auch die Rückmeldung: Es ist richtig und gut, was wir mit den Kindern machen.